Der Vogel oder Das Irgendwo -3-

Fotos Stadtführer Christian Vogt

(© Schriftsteller Christian Vogt)

Und dann kam plötzlich dieser denkwürdige Morgen, an dem die ersten Strahlen der aufgehenden Sonne wieder die Umgebung erleuchteten. Der Baum nahm zuerst ein seltsames Geräusch war, das Geräusch kam näher, etwas fing an, ihn an den Wurzeln zu kitzeln. Der Baum dachte sich nicht viel dabei, denn er war ja gewohnt, dass irgendwelche wilden Tiere an ihm nagten. Doch was kam denn jetzt? Ein furchterregendes Schütteln durchzuckte seinen schlanken Stamm. Er drohte irgendwie den Halt zu verlieren, zu schwanken, gar umzufallen. Das war nun doch zu viel des Guten für den Baum und ihm wurde ganz schwarz vor Augen.

Als der Baum am nächsten Tag aus seiner Ohnmacht erwachte, fandt er sich an einem ganz anderen Ort wieder. Neben ihm lagen einige astlose Artgenossen, dessen merkwürdiges Aussehen er nicht verstand. Irgendwie sahen die so komisch und unbeholfen aus, dass er sich das Lachen nicht verkneifen konnte. "Machst du dich über uns lächerlich?", fragte einer von diesen nackten Stämmen. "Ach, weißt du, a...ch...!?!", begann der Baum zu stottern. "Meinst du, dass du anders bist als wir?", legte der Stamm spöttisch nach. In diesem Moment musterte sich der Baum kurz selber und erschrak fürchterlich, als ihm bewusst wurde, dass auch alle seine hübschen Blätter und Äste verschwunden waren. Tränen kullerten ihm nun über die Wangen.

Trotzdem setzte der Stamm seinen Monolog unbeirrt fort: "Warum seid ihr Neuankömmlinge immer so naiv! Ihr glaubt wohl ihr seid etwas besseres! Nein, man fällt uns, beraubt uns unseres Laubwerkes, und die Alten erzählen, dass es danach auf eine lange Reise gehe bis wir schließlich irgendwo ankämen. Bei der Erwähnung des Irgendwos begann der Baum aufzuhorchen und sagte zu sich selbst: "Endlich geht es zu meinem Irgendwo! Was bedeutet schon der Verlust meiner Äste und Blätter dagegen!" Und er sang: "Oh wie ein Vogel kann ich nun schweben, in die Lüfte und durch den Wind, oh wie wird mein Herz bald beben, wenn ich einst mein Irgendwo findt."

Doch vorerst schien die Reise ziemlich anstrengend, ja sogar mühselig zu werden: Man ließ den Baum in einen tiefen kalten Fluss werfen und zusammen mit anderen Stämmen flussabwärts schwimmen. Wieder an Land wurde er halbertrunken grob an beiden Enden gepackt und auf einen Lkw verladen.

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