Der Vogel oder Das Irgendwo -1-

Fotos Stadtführer Christian Vogt

(© Schriftsteller Christian Vogt)

Eines Tages, als die morgendliche Dämmerung gerade dem Tageslicht zu weichen begann, kam ein Vogel aus den ersten Strahlen der aufgehenden Sonne geflogen. Dieser zog seine Kreise eine ganze Weile in schwindligen Höhen und näherte sich schließlich langsam dem bewachsenem Erdboden.

Plötzlich schien er sein Ziel in einem gut gediehenen jungen Baum entdeckt zu haben, der deutlich getrennt von seinen Artgenossen stand. "Willkommen Fremder!", ergriff der Baum ohne zu zögern das Wort, als er den gefiederten Reisenden entdeckte. "Guten Morgen, Kamerad!", grüßte der Vogel zurück und fragte sofort weiter: "Darf ich auf einen deiner so zahlreichen Äste landen?" "Aber natürlich, Fremder! Fühle Dich bei mir wie zu Hause!", erwiderte der Baum mit fröhlicher Stimme, und schon ließ sich der Vogel bei ihm nieder.

Einige Zeit später, nachdem der Vogel wieder aus seinem wohltuenden Schlummer aufgewacht war, wollte der Baum mehr über seinen Gast wissen: "Reisender, sag mir, wo kommst Du her und wo fliegst Du hin?" "Ich komme aus dem Irgendwo und fliege ins Irgendwo!", lautete die prompte Antwort des Vogels. "Wirklich?", bemerkte der Baum zuerst entzückt und sagte schließlich nach einer kurzen Pause ein wenig träumerisch: "Ach, warum bin ich bloß jemand, der immer auf der gleichen Stelle stehen muss. Ich sähe so gerne mehr von dieser Welt, vor allem von diesem geheimnisvollen Irgendwo, wovon mir alle meine Gäste berichten. Ach wäre ich doch ein Vogel so wie du, Fremder!", und seine melancholischen Seufzer ließen seine zarten Blätter erzittern.

Kurz vor dem Einbruch der Nacht kam für den Vogel schließlich die Zeit des Wiederaufbruchs: "Ich muss weiterfliegen, denn dort am Horizont befindet sich das Irgendwo!", sagte der Vogel zum Baum. Letzterer erwiderte mit Bedauern: "Du gefällst mir, Freund! Schade, dass du nicht länger bei mir bleiben kannst!" "Ich weiß!", entgegnete der Vogel einsichtig, "Ein besseres Kennenlernen ist schwierig, wenn man stets nur kurz an einer Stelle verweilen kann!

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